Stuttgart Rosenstein | Interview – Warum beteiligen

Im Gespräch: Warum beteiligen?

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Im Gespräch mit Dörte Meinerling vom Büro planbar hochdrei und Michael Hausiel, Leiter der Abteilung Städte­bauliche Planung Rosenstein, über den Stellenwert von Öffentlichkeitsbetei­ligung in Stadtentwicklungsprojekten und die riesige Chance für Stuttgart.

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Herr Hausiel, Öffentlich­keitsbeteiligungen haben bei Stuttgart Rosenstein einen hohen Stellen­wert. Warum sind sie für das Stadtentwicklungs­projekt so relevant?

Michael Hausiel: Die Öffentlichkeits­beteiligungen sind vor allem von Bedeutung, da Politik und Verwaltung nicht für sich planen, sondern für die Stadtgesellschaft. Ich gehe davon aus, dass viele Bürgerinnen und Bürger ein Stück ihrer zukünftigen Stadt mit­gestalten wollen. Wir bieten ihnen dafür die ideale Gelegenheit.

Wichtig ist, dass wir vorab transparent darlegen, warum die heute vorliegende Planung so entstanden ist. Wir erklä­ren, welche Gründe es für bestimmte Planungen gibt – diese Gründe können etwa geografische Gegebenheiten sein. Dann können die Menschen ihre Erfahrungen aus ihrem Alltag und ihre Vorstellungen und Wünsche für ein Leben in den zukünftigen Stadtquar­tieren einbringen. Die Planung kann aus ihrem Blickwinkel geprüft werden: Was gefällt mir gut an der Planung und wäre eine Bereicherung für die künftige Bewohnerschaft, aber auch für die dort Arbeitenden, die Nachbarn und die Gesamtstadt? Welche städtebaulichen Situationen funktionieren möglicherweise nicht so gut? Wie können wir neben einem stadtgesellschaftlichen auch einen ökologischen Mehrwert erreichen? Die Beteiligung der Öffentlichkeit als lokale Expertinnen und Experten ist ein elementarer Baustein für die städtebauliche Planung und die Akzeptanz einer späteren Umsetzung.


Frau Meinerling, Sie führen mit Ihrem Büro regelmäßig Beteiligungen zu städtebaulichen Themen durch. Wie groß ist das Interesse der Bürgerinnen und Bürger am Städtebau in Stuttgart?

Dörte Meinerling: Wir beobachten, dass das öffentliche Interesse an städtebaulichen Themen in Stuttgart seit einigen Jahren konstant zunimmt. Das entspricht auch dem deutschland­weiten Trend. Die mündige Gesellschaft fordert von Politik und Verwaltung mehr Transparenz und ein größeres Mitspracherecht. Denn gerade wenn es um die Gestaltung der eigenen Stadt und damit um das eigene Le­bensumfeld geht, möchten sich viele Bürgerinnen und Bürger mit ihren Ideen und Anregungen, aber auch mit ihren Bedenken und ihrer Kritik einbringen.

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Dörte Meinerling ist Geschäftsführerin, Freie Architektin, Stadtplanerin und Moderatorin. 2011 gründete sie planbar hochdrei mit den Schwerpunktbereichen Bilden, Beteiligen und Planen.

Michael R. Hausiel ist Architekt und Stadtplaner. Nachdem er fast 10 Jahre das Sachgebiet Vaihingen/Möhringen und leitete, übernahm er im August 2020 die neu gegründete Abteilung Städtebauliche Planung Rosenstein im Amt für Stadtplanung und Wohnen.

Wie erreicht man bei solchen Prozessen Men­schen, die sonst vielleicht nicht mitreden würden oder die bereits daran gewöhnt sind, nicht ge­fragt zu werden?

Dörte Meinerling: Eine größere Viel­falt an sozialen Gruppen erreicht man durch eine sogenannte Zufallsauswahl von Menschen aus sämtlichen Ein­wohnenden einer Kommune, bei der Kriterien wie Geschlecht, Alter, Staats­angehörigkeit und weitere besondere Merkmale hinterlegt werden. Neben den Menschen, die durch die Zufalls­auswahl für einen Beteiligungsprozess ausgewählt sind, sollte es frei zugängli­che Plätze für alle an dem Thema Inte­ressierten geben. Denn diejenigen, die interessiert sind, sollte man nicht durch eine Zufallsauswahl ausklammern. Nach diesen Methoden wurden ja auch die Menschen für die Beteiligung „Stadtteil für alle“ ausgewählt. Allerdings wird man so die von Ihnen angesprochenen sogenannten vulnerablen Gruppen nicht erreichen. Hier müssen Methoden wie die aufsuchende Beteiligung und weitere zielgruppenspezifische For­mate zum Zug kommen, bei denen ganz individuell auf die soziale Grup­pe eingegangen werden kann.

Michael Hausiel: Neben dem von uns angewandten Instrument der Zufalls­auswahl und den frei zugänglichen Plätzen hielt ich es auch für wichtig, sogenannte Interessensvertretende einzuladen, die wichtige Aspekte der Planung prüfen können – wie etwa die Beauftragte für die Belange von Men­schen mit Behinderung, Vertretende mit migrantischem Hintergrund, des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad- Club) oder des „Gläsernen Büros“. Sie stellen eine wichtige Ergänzung dar.

Um Beteiligung unkompliziert zu­gänglich zu machen und weitere ge­sellschaftliche Gruppen zu erreichen, aber auch Menschen, die aus anderen Gründen nicht an Veranstaltungsfor­maten teilnehmen können oder wollen, halte ich auch die Online-Beteiligung für ein sehr wichtiges Medium. Eine gut aufbereitete Online-Beteili­gung ist damit eine weitere wertvolle Säule in Beteiligungsprozessen.

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Es ist kei­ne Selbstverständlich­keit vor einer Gruppe zu sprechen. Wie gelingt es Ihnen in den Themenwork­shops eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich wirklich alle trauen, Fragen zu stellen und Meinungen zu äußern?

Dörte Meinerling: Zum einen hatten wir in der Auftaktveranstaltung als Spielregel Fairness und Akzeptanz für alle Anregungen und Meinungen vereinbart. Zum anderen hatten die Teilnehmenden vielfältige Möglich­keiten, ihre Anregungen weiterzu­geben. Neben den Wortbeiträgen im Plenum, gab es die Möglichkeit, sich an den beiden moderierten Stationen in kleineren Gruppen einzubringen und in Kleinstgruppen von zwei bis drei Personen an Fragestellungen zu arbei­ten. Darüber hinaus war das Format an den Stationen so offen konzipiert, dass alle Beiträge auch individuell auf den zur Verfügung stehenden Materialien niedergeschrieben werden konnten.

Wie geht es mit den Ergebnissen der Beteili­gung weiter? In welcher Form werden sie in die Planung einfließen und wer entscheidet darüber?

Michael Hausiel: Zuerst möchte ich betonen, wie wichtig die Ergebnisse der Beteiligung sind und wie ernst diese von den Planungsbeteiligten genommen werden. Wichtig ist aber auch zu erwähnen, dass nicht alle Anre­gungen übernommen werden können. Es folgen nun die Sichtung und Prüfung der eingegangenen Anregungen durch die Planungsabteilung und Planungsbüros, sowie gegebenenfalls weitere Abstimmungen mit den anderen Fachämtern. Nach dieser Prüfung und Abwägung der Anregungen werden Vorschläge zur Einarbeitung in den Rahmenplan erarbeitet und dem Gemeinderat zur Entscheidung vorgelegt. Dann folgt die abschließen­de Einarbeitung der abgestimmten Änderungen in den Rahmenplan und die Fertigstellung des Rahmenplans Stuttgart Rosenstein. Voraussichtlich Ende des Jahres 2022 soll dann ein Beschluss zum Rahmenplan Stuttgart Rosenstein erfolgen. Dann ist ein weiterer großer Meilenstein geschafft.